Das Nadelöhr



Mit Langlauf hatte alles begonnen. Im Winter gingen wir mit der Familie fast jedes Wochenende auf den Schnee. Da ich schon als 5-jähriger am liebsten immer der Schnellste gewesen wäre, trat ich zusammen mit meinen älteren Geschwistern bald dem Skiclub Horw bei. Meine ersten Wettkämpfe absolvierte ich deshalb nicht als Eisschnellläufer oder Inline-Skater, sondern auf den Langlaufski. Im Rahmen seines 100-jährigen Jubiläums publizierte der Skiclub Horw nun ein Buch mit Geschichten ehemaliger Mitglieder. Ich freue mich, die folgende Anekdote beitragen zu dürfen:


Damit ich euch die Geschichte von meinem unglücklichsten Langlaufrennen erzählen kann, fragte ich meinen älteren Bruder, wie das damals genau gewesen sei.


Der letzte Wettkampf der Saison 2002, Massenstart am Allianz Trophy Finale in Les Diablerets! Ich war 9 Jahre alt und bis in die Haarspitzen motiviert. Ich wusste, heute reisse ich etwas. Den Start musste ich irgendwie überstehen, das war mir klar, denn bedauerlicherweise war ich immer der Kleinste im Feld, und wenn zu Beginn alle Vollgas gaben, dann entwickelten meine Arme auf den ersten Metern einfach zu wenig Schub. Trotz einer guten Startposition verlor ich auf den ersten Metern gleich an Terrain und Plätzen.


Mit meinem Trainer Rolf Aregger hatten wir die Strecke gut besichtigt, und ich wusste, dass nach der ersten Kurve, nach 500 Metern, ein richtiges Nadelöhr folgt. Beim Anstieg würde ich dann wieder Plätze gutmachen. Die Kurve kam also näher, und ich dachte, jetzt einfach innen durch und dann geht es erst richtig los. Gesagt, getan. Innen durch und ... Massensturz. Ich blieb auf den Skis stehen, doch die anderen 9-Jährigen lagen mir vorne und hinten auf den Brettern. Ich steckte fest. An ein Weiterkommen war nicht mehr zu denken. Alle lagen am Boden, nur ich stand in der Mitte und kam nicht mehr vorwärts. Ich habe geflucht, geschrien, mit den Stöcken wild herumgefuchtelt. Es half alles nichts. Ich blieb stecken, eine Ewigkeit.


An das Gefühl in diesem Moment erinnere ich mich noch heute. Wahrscheinlich kennt es jeder Sportler. Die totale Verzweiflung, man kann selbst nichts dafür, und trotzdem hat sich das Schicksal gegen dich entschieden.


Irgendwann hatten sich dann alle enthakt, und ich konnte weiterlaufen. Für mich war die Sache jedoch vorbei. Konsterniert wie ein 9-Jähriger nur sein kann, lief ich noch ins Ziel. Dort angekommen, das hatte ich im Fernsehen bei den Profis mal beobachtet, schmiss ich meine Skis in eine Ecke und machte aus meinem Groll keinen Hehl. Alle sollten es sehen.


Auch wenn dieses Rennen für mich schon nach wenigen Sekunden gelaufen war, profitiere ich als Sportler noch heute davon. In den Massenstartwettkämpfen im Langlauf habe ich schon als kleiner Junge gelernt, mich durchzusetzen und in hektischen Situationen die Ruhe zu bewahren. Diese Erfahrungen helfen mir nun als Inline-Skater und Eisschnellläufer.


Die Niederlage in Les Diablerets war zwar äusserst bitter, sie hatte aber auch etwas Gutes. Im Skiclub Horw durfte ich lernen, mit Niederlagen umzugehen und in unübersichtlichen Rennsituationen ruhig zu bleiben. Oder wie Rolf Aregger es damals nach dem Rennen ausdrückte: «Livio ned so hektisch, denn chont das scho guet!».


Und Rolf sollte recht behalten, es kam dann auch sehr gut. Am selben Abend gewann ich in der Tombola den Hauptpreis: Ein Ski-Wochenende in Les Diablerets.


Wie ging es mit meinem Sport nun weiter?

Relativ schnell kam ich parallel zum Langlauf auf die lnline-Skates. Ich konzentrierte mich immer mehr auf diese Sportart. Ich erkämpfte mehrere Medaillen an Europa-und Weltmeisterschaften als Junior, zwei Medaillen an den Senioren-EM, und die Silbermedaille an den World Games in Breslau war mein bisher grösster Erfolg.


Da Inline-Skaten nicht olympisch ist, habe ich mit dem Eisschnelllaufen begonnen. Ein erstes grosses Ziel habe ich auch schon erreicht. Ich konnte an den Olympischen Winterspielen 2018 teilnehmen und wurde dort 4., im Massenstart.


Livio Wenger


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